Klassenkampf versus kulturelle Identität in der globalisierungskritischen Bewegung Australiens
Submitted by Florian Fleischmann on 17 November, 2006 - 09:41.Maron Diani stellt in seinen Ausführungen über soziale Bewegungen die nahe liegende Frage, was bei den Differenzen zwischen einzelnen Gruppen und Individuen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung Australiens das Gemeinsame und Verbindende ist. Über dem gemeinsamen Verlangen nach weltweiter Gerechtigkeit hinaus, bleibt das Problem der eigentlichen kollektiven Identität bestehen:
Diani sucht eine Antwort auf die Frage noch relativ zögerlich in einer klassischen marxistischen Erklärung (Ebenda, S. 173). Verity Burgmann sieht in dem Wiederaufkeimen von Kritik am globalen Kapitalismus eine Wiederauferstehung, bzw. neue Manisfestation der Arbeiterklasse.
Im weiteren identifiziert sie verschiedene Momente, die darauf hinweisen, dass vor allem die globale ökonomische Analyse durch die Aktivisten, gemischt mit Sorge um ihre eigene materielle Zukunft die stärkste Motivation für die Proteste darstellen.
Obwohl ich dieser Position zustimme, möchte ich sie dennoch erweitern, um auf einen anderen Konflikt hinzuweisen, der meines Erachtens die reine Klassenanalyse bereichern könnte. Es geht um das intra-persönliche Spannungsfeld, in dem sich die Aktivisten in ihrer Eigenschaft als Australier befinden. Richard White hatte in seinem Standardwerk zur Entwicklung einer eigenständigen australischen Identität einen fortgesetzten Konflikt um die Besetzung des historisch unterentwickelten Begriffs Australien ausgemacht. Auch zwanzig Jahre später hält er an dessen Grundthema weiterhin fest:
In diesen Rahmen hinein soll die grundlegende These für die weiteren Untersuchungen gestellt werden. Sie geht davon aus, dass sich Teile der globalisierungskritischen Bewegung in Australien zu einem gewissen Grad in ihrer Identität als Aktivisten auch auf Motive aus der australischen, nationalen Ikonographie stützen, welche die materiell-ökonomischen Beweggründe ergänzen und sich damit auch in den Konflikt um die Auslegung des konstruierten Begriffes Australien begeben. Inwieweit das genau der Fall ist, wird in 5. und 6. Kapitel genauer erörtert. Trifft es aber zu, so sind sie nicht nur in ihrer finanziellen Zukunft, sondern auch in den Facetten ihrer Identität, die sich um nationale Konzepte von Australisch-sein und dem daran hängenden Mythenkanon herausgefordert.
Die These basiert auf einer Antropologie in der Schnittmenge, in der Post-Gramscianismus, und postmodernes Menschenbild zusammenfallen. Im Wesentlichen beruht es auf der Annahme, das eine Person weder rein materiell bestimmt ist, noch eine singulär beschreib- und erklärbare Identität aufweist. Vielmehr steht sie im Zusammenspiel unterschiedlicher Diskurse, Kulturen und historischer Quellen, die eine Mischung von partiellen Identitäten speisen. Chantal Mouffe entwickelt aus klassisch Gramscianischen Gedankengut (siehe 3.3.2) diese Vielzahl kulturbedingter Identitäten:
Bereits der postmoderne Theoretiker Michel Foucault verband die Auflehnung gegen staatliche Unterdrückungsmechanismen mit dem Kampf um die Behauptung der eigenen Identität. In den 70er Jahren beschreibt er diese Verbindung im Bezug auf soziale Bewegungen der Zeit:
Es geht also im Widerstand nicht nur um einen Abgleich des Einflusses zwischen zwei an materiellem Gewinn interessierten Parteien. Vielmehr handelt es sich um die Verteidigung des individuellen Ausdrucks gegen die Ausübung von Kontrolle an sich. Anti-Globalisierung bedeutet nicht nur, die materiellen Lebensbedingungen und die eigenen Zukunftschancen auf dem Arbeitsmarkt zu verteidigen, sondern vielmehr das genuin Eigene vor weltweitem Konformitätsdruck zu verteidigen. Dabei spielen lokale Traditionen, historische Ereignisse und identitätsstiftende Momente eine wichtige Rolle. Insofern könnten nationale Ikonen, gerade wenn sie im Kern nicht konformistisch sind, hilfreich in der Abwehr globaler Einflussnahme sein. Sie können aber auch auf nationaler Ebene durch Machtstreben sinnentleert worden sein.



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