Erlebniswelten
Submitted by Dorota Tkaczyk on 4 November, 2006 - 09:21.“Your children will wander looting the shopping malls
For forty years suffering for your idleness,
Until the last dwarf body rots in a parking lot”
Donald Hall Prophecy
Was ist Erlebnis?
Das Erlebnis ist also ein Ereignis im individuellen Leben eines Menschen, das sich vom Alltag des Erlebenden so sehr unterscheidet, dass es ihm lange im Gedächtnis bleibt und ihn stark beeinflussen kann.
Gesellschaftlicher Wandel als Basis des Erlebnistrends
Die Welt im 21. Jahrhundert bringt sehr viele Veränderungen im Lebensstil und Lebensauffassungen mit sich. Die rasante Entwicklung der Technologie und der Wissenschaft führt erhebliche Verbesserungen und Erleichterungen in unsere Existenz ein. Wir leben in der Regel länger, bequemer, angenehmer, auf einem technisch höheren Niveau. Den Menschen geht es generell besser – sie haben nicht nur mehr Geld sondern auch mehr Zeit zur Verfügung. Der Alltag ist einfacher geworden, er ist kein Kampf ums Űberleben mehr, vielmehr verbleibt genügend Zeit für Entspannung und Vergnügen. Solche Errungenschaften sind in unserer westlichen Gesellschaft noch relativ jung und grundsätzlich mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den Veränderungen in den Arbeitsverhältnissen verbunden. Diesen Prozess fasst Horst W. Opaschowski in seinem Buch Schöne, neue Freizeitwelt? sehr gut zusammen:
Unserer Wohlstandsgesellschaft fehlt nichts mehr und sie produziert mittlerweile sogar mehr als sie verbrauchen kann. Obwohl Armut immer noch vorhanden ist,. droht den meisten keine direkte Hungersnot mehr, und die Grundbedürfnisse des Menschen sind längst befriedigt. Mit vollem Bauch kann man sich, nach der berühmten Maslow-Pyramide, den anderen Bereichen des Lebens wenden. Dazu gehören unter anderem Hobbys, Sport, Kultur und Unterhaltung.
Die Kategorie Freizeit in einer Erlebniswelt
Dieser gewaltige Zuwachs an Geld und Zeit ermöglichte Massenfreizeit und Massenwohlstand. Obwohl die Reaktionen auf mehr Freizeit nicht immer positiv sind (einige können damit nicht richtig umgehen und ersetzen die entstandene „Lücke“ mit einem zweiten Job), haben sich die meisten an die neuen Verhältnisse gewöhnt und verlangen immer mehr von der ihnen „geschenkten“ Zeit. Es kommt zu einer Situation, in der Freizeit ganz neu bewertet wird. Es ist nämlich die Zeit, in der man wirklich lebt, wenn man endlich das tun kann, was einem Spaß macht, wenn man den ganzen Tag mit Familie und Freunden verbringen kann. Da die Freizeit relativ knapp und deshalb so wertvoll ist, bemüht man sich das Beste daraus zu machen. Dazu gehört das vorsichtige Planen jedes freien Moments, Vorbereitung eines interessanten Programms für das Wochenende, Buchen einer Reise, Besuchen von Veranstaltungen. Die Freizeit wird dadurch zu einer Kategorie, die man bewusst und aktiv gestaltet, die man keinem Zufall überlässt. Es entsteht sogar ein Phänomen von Freizeitstress – so wichtig ist dieser Teil unseres Lebens geworden, dass wir um jeden Preis versuchen, ihn so sinnvoll und so intensiv wie möglich zu erleben und uns dabei selbst unter großen Druck stellen.
„Es besteht ein unheimliches Bedürfnis nach Erlebnis“ (Der Spiegel nr.19, 1994)
Die Erlebnisgesellschaft
Gerade in der Freizeitgestaltung wird Erlebnis zu einem zentralen Schlüsselwort. Mit dem Űbergang von einer Mangel-Gesellschaft zu einer Überfluss-Gesellschaft hat sich eine Erlebnisgesellschaft entwickelt, die das ganze Leben als ein riesiges Erlebnisprojekt sieht.
Wie es bereits 1970 der amerikanische Futurologe, Alvin Toffler prognostiziert hat, befinden wir uns gerade in einem „Erlebniszeitalter“, in dem sich die Freizeitindustrie in den Bereichen Tourismus, Medien, Sport, Kultur und Konsum zu einer gewaltigen Erlebnisindustrie entwickelt hat. In seinem Buch „Erlebnisgesellschaft“ beschreibt Gerhard Schulze dass, im Zuge der Veränderung der Beziehung von Menschen zu Gütern in der Nachkriegszeit der eigentliche Gebrauchswert der Produkte (so die These Schulzes) zu Gunsten von Erlebniswerten in den Hintergrund getreten ist. Ursprünglich attributive Nebenaspekte wie Prestige, Stil, Erlebniskonsum etc. sind inzwischen zu den wichtigsten Merkmalen moderner Produkte avanciert. Im Zuge dieser Entwicklung hat sich ein Erlebnismarkt etabliert, in dem Millionen „Erlebniskonsumenten“ einer Vielzahl von privaten und öffentlichen „Erlebnisanbietern“ gegenüberstehen und der in zunehmendem Masse dynamisiert. In seinem Milieuansatz geht Schulze davon aus, dass sich soziale Realität vor allem unter Berücksichtigung von subjektiven Erlebniswerten sinnvoll erklären lässt. In Zeiten, in denen sich die verschiedenen Produkte und Dienstleistungen einzelner Kategorien nicht mehr anhand ihres Gebrauchswertes unterscheiden lassen, treten subjektive Erlebniswerte als differenzierende und entscheidungsrelevante Merkmale zunehmend in den Vordergrund. (vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt am Main, New York, 1993, S.59 ff) Angesichts der Austauschbarkeit der hochqualitativen Produkte und der gesättigten Märkte hat sich daher in der Wohlstandsgesellschaft ein sinnlich-orientierter Lebensstil herausgeprägt, dessen Leitmaxime „Erlebe dein Leben“ lautet. Die Forderung nach Erlebnis ist deshalb so groß, weil es einen Kontrast zum Alltag impliziert. Die massive Entstehung von Erlebniswelten erscheint in dieser Hinsicht als eine angemessene Reaktion auf das Erlebnis-Bedürfnis der vieler Menschen in der heutigen Gesellschaft.
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