Nationale Narrative und Globalisierungskritiker in Australien
In diesem Beitrag geht es um die in Australien kanonischen Nationalmythen, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach antiautoritär und aufrührerisch sind, Ned Kelly, die Eureka Stockade und andere.[1] Es soll untersucht werden, inwieweit diese Narrative heute noch wie und für wen wirksam sind; mit speziellem Augenmerk auf den Grad des Einflusses, den sie auf heutige politische Aktivisten haben, die alternative Visionen zum australischen politischen und ökonomischen Mainstream vertreten und sich vor allem im Jahr 2000 gegen weitere Angleichung des Landes an die Vorgaben internationaler Wirtschaftsorganisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO) gerichtet haben.
Insbesondere geht es hier darum herauszufinden, wie das Verhältnis australischer Globalisierungskritiker zu Ned Kelly und zu Eureka aussieht. Um dieser Frage nachzugehen, habe ich vier Monate in Melbourne zur Feldforschung und Abfassung dieser Arbeit genutzt. Sie basieren auf meinen Erwägungen und der Rezeption der Literatur, wie ich sie hier in Australien vorgefunden habe. Von den Antworten und Ergebnissen, wie ich sie im Weiteren entwickeln werde, erhoffe ich mir eine Erweiterung unseres Verständnisses der australischen Gesellschaft in unserer Zeit. Australien ist eine junge Nation. Fragen der kulturellen Identität, der Demokratie und des Umgangs mit Minderheiten berühren Kernsensibilitäten der Bevölkerung und bestimmen täglich neu den Gegenstand der öffentlichen Debatte. Wie ich zeigen werde, ist die Interpretation der Vergangenheit und ihre Nutzbarmachung für aktuelle politische Machtfragen ein umstrittenes Feld. Aber gerade deshalb erscheint mir ein eingehender Blick darauf besonders viel versprechend für unseren Erkenntnisgewinn. Im Letzten geht es darum, wie sich Australier selbst sehen, und was sie antreibt, wenn sie sich am Gemeinwesen beteiligen.
Dem Hauptanliegen dieses Beitrags liegt eine Beobachtung zugrunde, die zunächst einmal jeder Besucher des Landes ohne größere Umstände machen kann. Zum Kanon dessen, was man wissen muss, um Australier zu sein, zum australischen kulturellen Kapital, gehören Geschichten und historische Begebenheiten, die ihrem ursprünglichen Gehalt nach nicht staatstragend sind. Es sind Erzählungen von „underdogs“, die gegen gewaltige Übermacht kämpfen und untergehen. Die bekannteste populär-historische Figur im Land ist Ned Kelly, ein Räuber und Pferdedieb, der angeblich den Reichen nahm, um es den Armen zu geben, Polizisten erschoss und zu seinem legendären letzten Gefecht in einem Stahlpanzer erschien, und schließlich erhängt wurde. Dieses Jahr wird der 150. Jahrestag der sog. „Eureka Stockade“ begangen, dem Aufstand von Goldsuchern gegen ein von den britischen Kolonialautoritäten eingeführten Lizenzsystems, der in weitreichenden demokratischen Forderungen mündete – nur um in einem halbstündigen Gefecht niedergeschlagen zu werden. Das Lied Waltzing Matilda hat mittlerweile den Status einer semi-offiziellen zweiten Nationalhymne erreicht. Es wird zu großen öffentlichen Anlässen, wie etwa Sportereignissen oder politischen Versammlungen, gleich nach der offiziellen Hymne intoniert. Der Text erzählt die Geschichte eines Schafdiebes im australischen Busch, der dem Zugriff durch die Polizei durch seinen Selbstmord entkommt. Im Refrain werden alle Zuhörer aufgefordert, ihm in seinen diebischen Aktivitäten nachzueifern.
Betrachtet man nur diese Narrative, und ihre ikonische Stellung in australischer Gesellschaft, könnte man die naive These konstruieren, dass tatsächlich alle Australier mit Leuten sympathisieren, die diese Geschichten des Widerstandes heute wiederaufleben lassen. Man müsste annehmen, dass Australier durchweg positiv reagieren auf Demonstranten, die in häufiger Konfrontation mit der Polizei stehen, und versuchen , die Macht der Mächtigen in Staat und Wirtschaft nach unten umzuverteilen. Umgekehrt müssten solche politischen Aktivisten all ihr Tun immer in den Kontext dieser nationalen Narrative stellen können und wollen. Sicherlich ist weder das eine noch das andere der Fall in so kompromissloser Form, die einer naiven Projektion gleichkommt. Aber damit hat sich das Potential der polarisierten Vorstellung noch nicht erschöpft. Es gilt jetzt, die Grauzonen auszuloten. Bis zu welchem Grad lässt sich doch eine Identifikation von Aktivisten und Mythen finden? Welche Kräfte berufen sich heute noch auf sie und für welchen Zweck - und wie interagiert das wiederum mit dem Aktivistengebrauch? Welche Prozesse haben stattgefunden, auf dem Weg zwischen den ursprünglichen historischen Ereignissen und ihrer heutigen Stellung in der australischen Gesellschaft?
Wie schon angedeutet, ist die Aktivistenszene in Australien breit gefächert. Weltweit ist die Zersplitterung im linken politischen Spektrum sprichwörtlich, und ebenfalls weltweit ist gerade die Antiglobalisierungsbewegung stolz auf ihre Diversität. Es muss also auch im Detail untersucht werden, welcher politischen Richtung die Bewegung vertreten und welchen Praktiken sie sich verschrieben haben. So lassen sich die Nuancen in den jeweiligen Beziehungen zu den Nationalmythen herausarbeiten.
1. Nationalnarrative in Australien
Die historischen Ereignissen um Ned Kelly und den Goldgräbern auf dem Eureka Feld wurden im Laufe der Zeit ikonische Bestandteile der australischen Kulturgeschichte. Stehen sie zunächst noch allein, als unabhängiges Ereignis ihrer Zeit, bekommen sie über Jahrzehnte hinweg ein zweite Bedeutung als Bestandteil des typisch „Australischen“, der Vorstellung vom nationalen Typus des unabhängigen anti-autoritären Kämpfers für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung wie sie im Konzept des „Fair Go“ verkörpert sind. Vor allem in der Zeit um 1890 werden sie in die Schnittmenge von Nationalismus und links-politischem Klassenkonflikt aufgenommen und als historische Legitimationsinstanz konstruiert. Sie werden zu Bausteinen der sich bildenden Nation und zu Kernstücken der aufkeimende Tradition von Widerstand in Australien. Mit fortlaufender Repräsentation in populären Werken im 20. Jahrhundert geht Ned Kelly in das Selbstverständnis des Querschnitts der australischen Gesellschaft ein. Ähnlich wird auch das Andenken Eurekas durch künstlerische Darstellung bewahrt. Vor allem linksgerichtete Gruppen, Irischstämmige und Gewerkschafter halten Eureka und seine Flagge im politischen Diskurs präsent.
Gleichzeitig mit der Eingliederung der historischen Ereignisse in den ikono-australischen Kanon wurden die Mythen auch Gegenstand von hegemonialen Bestrebungen. Je mehr diese Geschichten als etwas typisch „Australisches“ angesehen wurden, entstand bei der herrschenden Minderheit Interesse, sich mit diesen Mythen zu identifizieren und sie zu kontrollieren, um ihre Dominanz zu festigen. Mit dem Erreichen der Interpretationshoheit von Bestandteilen des national characters sollte der jungen Nation ein kultureller Kristallisationspunkt gegeben werden, aus denen Gemeinsamkeiten konstruiert werden konnten, die gesellschaftliche Homogenität und die Akzeptanz von Herrschaft ermöglichte. Vor allem die Australian Labor Party leitete aus der ursprünglichen Verbindung zu Eureka über ihren Gründungsmythos im 1891er Schererstreik eine Verbindung zu den aufständischen Goldsuchern ab.
Die sich langsam entwickelnde Entradikalisierung der Gewerkschaften und der ALP spiegelte sich auch in deren Interpretation der identitätsstiftenden Narrative wider. Erzählungen von Auflehnung sollen heute den status quo legitimieren. Um diesen Prozess der Aneignung jedoch bis heute vollziehen zu können, musste augenscheinlich eine semi-bewusste Anpassung an Mittelklassewerte und an das jeweils aktuelle ökonomische Paradigma stattfinden. Das trug dazu bei, Abweichungen vom hegemonialen Standard zu unterbinden, nationale Kohäsion zu wahren und ihnen inhaltlich nicht entsprechende, potentiell konfliktgeladene Entscheidungen, wie etwa die uneingeschränkte Marktglobalisierung Australiens, zu unterstützen.
Diese Aufweichung folgt anscheinend im Wesentlichen zwei Deutungsmustern: Zum einen werden die in den Narrativen beschriebenen Konflikte als überwunden erklärt. Gab es auch in der Vergangenheit große Ungerechtigkeiten, soziale Zurücksetzungen und Demokratiedefizite, so seien diese heute weitgehend ausgeräumt. Eventuelle Unzufriedenheit mit politischen Missständen könne über die heute gebräuchlichen Methoden der parlamentarischen Demokratie vorgetragen und bereinigt werden. Deshalb seien auch militante Taktiken zur Durchsetzung von Reformen nicht mehr nötig.
Zum anderen werden die tatsächlich militanten Elemente der historischen Ereignisse im Vergleich weniger betont als solche, die sich in Anpassung heute verwandeln lassen. So steht zum Beispiel für die ALP der Multikulturalismus, die harte Arbeit und die Selbstständigkeit der Goldsucher von Eureka eher im Vordergrund als ihre umfassende politische Vision. Eureka und Ned Kelly werden reduziert und als nur für ihre Zeit relevant angesehen. Dazu werden sie ihrer militanteren Aspekte bereinigt, während gleichzeitig hegemoniell brauchbare Aspekte transzendieren können. Beide dürfen nicht als Blaupausen für den Kampf Unterdrückter gegen Unterdrücker gesehen werden, die auch heute noch zur Anwendung kommen könnten. Und diese Disassoziation wird so weit geführt, dass selbst einige Derjenigen, die sich eigentlich darauf berufen könnten, von den historischen Ereignissen keinen Gebrauch mehr machen. So konnte am Endpunkt dieses Prozesses zum Beispiel die Blockade von S11 gewaltsam aufgebrochen werden und darüber hinaus die Demonstranten als „unaustralisch“ bezeichnet werden, obwohl sie gerade Grund gehabt hätten, sich im Licht der angeblich australotypischen Mythen zu präsentieren und zu legitimieren.
2. Methodologie
2.1 Vorbemerkung: Konstruktivismus
Die vergangenen zwanzig Jahre haben einen Paradigmenwechsel in der soziologischen Methodologie hervorgebracht. Das Postulat einer absoluten und objektiven Abbildung von Wirklichkeit ist zum Teil unter dem Einfluss neuerer philosophischer Strömungen abgelöst worden durch ein Bekenntnis zu einem konstruktionistischen Forschungsmodell. Eine der Kernforderungen besteht darin, den Einfluss des Forschers auf die Ergebnisse anzuerkennen.[2] Eine Studie wird in ihren Ergebnissen nicht nur durch Aussagen und Verhalten der Beobachteten, sondern mindestens genauso durch die Entscheidungen und Voreinstellungen des Beobachtenden determiniert. Jede sozialwissenschaftliche Studie ist also ein gemeinschaftliches Produkt von beiden beteiligten Parteien mit gehobenem, aber nicht letztlich objektiven, Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Entscheidend im Ablauf der Untersuchung ist, dass der Untersuchungsleiter sich über die Vorraussetzungen und Implikationen im Klaren ist, denen seine Materialsammlung und seine Auswertung unterliegt:
Dabei sind Prämissen und persönliche Einflussnahme nicht unbedingt von Nachteil für die Relevanz von Ergebnissen. Ihre Existenz anzuerkennen ist Teil des Erhebungsprozesses. Die Anerkennung dieser Verzerrungen und die Grundlegung im Konstruktivismus werden die weitere Vorgehensweise informieren.[3]
2.2 Semi-strukturiertes Tiefeninterview
Mein Forschungsinteresse liegt auf Fragen der Identität, persönlicher Vorlieben und Loyalitäten, Entwicklungsgeschichten, Ansichten und Einschätzungen von komplexen Sachverhalten. Das passende Instrument hierfür ist das sog. unstrukturierte Tiefeninterview. Es wurde ursprünglich für die psychologische Marktforschung entwickelt (Salcher, 1995, S. 28). Es handelt sich dabei um eine relativ offene Form der Befragung, die vor allem dazu bestimmt ist, frei formulierten Text zum Thema zu produzieren, mit einem möglichst großen Anteil von Wertungen und Einschätzungen von Seiten des Befragten:
Die zweite zu stellende Hauptfrage, neben der Involviertheit des Interviewers selbst, im Bezug auf soziologische Forschung, ist die nach der Weitmaschigkeit des Forschungsinstruments. Um eine Momentaufnahme der Einstellung meiner Zielgruppe zum Gegenstand zu bekommen bietet das unstrukturierte Tiefeninterview die meisten Vorteile. Zunächst einmal kann sich die befragte Person hauptsächlich in ihren eigenen Worten ausdrücken und somit ein subtileres, dataillierteres Bild konstruieren, als bei enger gefassten Methoden. Wie Bryman schreibt, geht es darum, ein möglichst umfassendes Verzeichnis von Aussagen aufzubauen:
Ein weiterer Vorteil der Methode ist ihre Flexibilität. Sie erlaubt es, neue Prämissen bzw. bereits gewonnenes Wissen in die späteren Befragungen einfließen zu lassen. So würde sich über den Zeitraum der verschiedenen Interviews der Fragenkanon abändern, der spezifischen Gesprächssituation anpaßen und auf möglichst großen Erkenntnisgewinn durch den jeweiligen Gesprächspartner ausrichten lassen. Das bedeutet keineswegs Strukturlosigkeit, als vielmehr die Widerspiegelung eines sehr subtilen Prozesses von gegenseitiger Herausforderung durch die Gesprächspartner.
Einer der großen Nachteile der Methode entsteht in einem späteren Schritt des Forschungsprozesses: der Auswertung der Daten. Da sich der ursprüngliche Gesprächsleitfaden weiterentwickelt und den jeweiligen Gegebenheiten angepasst wird und relativ wenig Kontrolle über Art und Umfang der Antworten besteht, lassen sich diese nicht eins zu eins miteinander in Beziehung setzen. Somit fallen rein statistische Auswertungsmethoden, sowie das klassische Kodieren als Auswertungsinstrumente weg. Die andere in den Sozialwissenschaften besonders bevorzugte Methode, narrative Analyse, ist sehr stark auf Interviews ausgelegt, die sich auf selbst erlebte Ereignisse und komplette Lebensgeschichten beziehen. Dabei wird vor allem aus der Sequenz des Erzählten auf dessen Wichtigkeit geschlossen, was aber keine adäquaten Ergebnisse für emphatische Verhältnisstudien gibt (Siehe Bryman, 2004, S. 412). Ein ähnliches Problem ergibt sich für sog. Grounded Theory Verfahren, die in der klassischen Variante sehr kleinschrittig sind und schon auf der Ebene des Satzbaus mögliche Auswertungskathegorien entwickeln (Bryman, 2004, S. 401ff). Allerdings übernehme ich deren Grundprinzip für meine Auswertung, das im Wesentlichen im Abgleich von Thesen - in der Literatur Kathegorien genannt - anhand der Interviewdaten besteht. Die Ausgangsvermutung, die auch die Frage formuliert hat, wird zu einem sich wiederholenden stimmt/stimmt nicht Vergleich herangezogen (Bryman, S. 403, Box 19.4.). Die Ergebnisse werden dann unter den Interviewpartnern verglichen und in Zusammenhang gestellt. Am Ende ergibt sich ein differenzierter Vergleich der Beziehungen der Gesprächspartner zum Gegenstand.[4]
Insgesamt werden die Probleme der Auswertungsmethodik durch die Vorteile der Methode aufgewogen. Unstrukturierte, bzw. strukturangepasste Tiefeninterviews bieten die größte Wahrscheinlichkeit auf wertvolle Einsichten und Einschätzungen zu stoßen, die sich für die Beantwortung der Forschungsthesen eignen.
2.3 Auswahl der Testgruppe
Dies gestaltete sich als einer der anspruchsvollsten und langwierigsten Teile der Studie, da die Auswahl der Kandidaten für die limitierten Interviewplätze die Endergebnisse entscheidend beeinflussen würde.[5] Zunächst hätte eine Fülle von Kandidaten aus der Bewegung und den einzelnen Gruppen zur Verfügung gestanden.
Es galt, ca. 10 Probanden auszuwählen, die eine der größeren Gruppierungen, die an der Antiglobalisierungsbewegung beteiligt gewesen sind, repräsentieren könnten: die ökologische Fraktion, die Sozialisten, die Anarchisten, die Akademiker und die Gewerkschaften. Wenn möglich sollte jeweils ein Vertreter mit niedrigem und einer mit hohem Status innerhalb seiner Gruppe gefunden werden. Als Kontrast sollten noch Stimmen aus dem nicht-gruppengebundenen Lager und ein Repräsentant der Staatsregierung zu Wort kommen. Idealerweise würden alle Probanden möglichst artikuliert sein und durch ihre Bindung an die Gruppe bzw. ihr Engagement während der Hochphase der Bewegung, nicht aber durch eine besondere Beziehung zu den Narrativen, hervorstechen.[6] Damit wäre gewährleistet, dass nicht die besonders historisch Interessierten die Ergebnisse verzerren würden, sondern eher eine im vorgegebenen Rahmen möglichst breite Repräsentanz innerhalb der unterschiedlichen Fraktionen gewährleistet wäre.
Letztendlich wurden nach diesen Anforderungen acht Probanden aus dem Kreis der Gruppengebundenen selektiert: Mick (Sozialist, hoher Status)[7], Seb (Sozialist, niedriger Status), John (Gewerkschafter, hoher S.), Jerome (Sozialist, niederiger S.; Gewerkschafter, hoher S.), Cam (Umweltaktivist, hoher S.), Ian (Umweltaktivist, niedriger S.), Joe (Anarchist, hoher S.), Liz (Studentenbewegung, hoher S.). Die beiden Dozenten, Prof. Stuart McIntyre und Dr. Damian Grenfell, wurden durch ihre Forschungsinteressen zu wahrscheinlichen Kandidaten, wobei Damian auch zusätzlich noch freier Aktivist ist. Amy (Freie Studentenbewegung, n.S.) und Vivienne (Freie Demokratieaktivistin, h.S.) meldeten sich auf entsprechende Aushänge hin. Die Beauftragte der Landesregierung für die Eurekafeierlichkeiten, Allison Dutka, wurde mir auf Anfrage durch deren PR-Firma vermittelt. Alles in allem wurden somit 13 ca. einstündige Interviews durchgeführt.
2.4 Der Leitfaden
Der ursprüngliche Fragebogen für die Aktivisteninterviews war in vier Teile aufgeteilt. Auf die Erläuterungen zur Vertraulichkeit und zum allgemeinen Thema der Gesprächs folgten: Persönliche Datenerhebung und Hintergrund des Befragten, Fragen zum historischen Ereignis Eureka Stockade, Fragen zum Vergleich der globalisierungskritischen Bewegung und Eureka, Fragen zu Ned Kelly.
Dazu kam die Einstiegsfrage nach australienrelevanten Narrativen und die nach dem unaustralischen Aktivismus.
- What sort of activism have you been engaged in and for how long?
- If someone migrates to Australia, which stories would he or she have to learn about?
- The Eureka Stockade, please name your immediate associations.
- Please recount the events as you remember them.
- Where did you first learn about it?
- How important is it for yourself? (frequency, last occasion)
- Would you have liked to be there, why?
- How important was it for Australia in the past?
- What are the feelings of most Australians towards Eureka today?
- What qualities do the miners represent?
- Were the miners of Eureka the same sort of people as protesters today?
- Is Eureka inspirational for the anti-global movement? In what ways?
- Does Eureka belong more to John Howard or the anti-global movement, why and in what regards?
- Was S11 reminiscent of Eureka in any way?
- A typical Australian has just watched a TV documentary on the Eureka stockade. Then he sees footage from S11 on the news. Would he make a connection? What would his comments be?
- Anti-global activism has been labeled un-Australian. Please comment!
- Is Ned Kelly an inspiration to you / the antiglobal movement / Australians?
- Where did you first learn about him?
Die Fragen wurden zum Teil in unterschiedlicher Reihenfolge gestellt, je nach Gesprächssituation und in verschiedenen Formulierungen. Relativ früh im Gespräch stellte sich meistens heraus, ob sich ein Gesprächspartner eher zu Eureka oder zu Ned Kelly äußern konnte. Dementsprechend wurden die weiteren Fragen angepaßt. Hinzu traten noch optionale Fragen, die sich vor allem aus den Gesprächen selber bzw. der besonderen Situation des Aktivisten und seiner Gruppe ergaben.
Als eine der entscheidenden Kriterien für die Anwendung der ursprünglichen Fragen erwies sich die Abstraktionsfähigkeit des Befragten und seine Bewandtheit in der Materie. Wo sich die Möglichkeit ergab, eigene differenzierte Betrachtungen abzufragen, habe ich dem den Vorzug vor meinem niedrigschwelligen Ansatz gegeben, bzw. beide nebeneinander gestellt.
2.5 Fragebogen
Als Ergänzung zu den Tiefeninterviews wurde eine semi-quantitative Erhebung durchgeführt. Sie bestand aus einem Fragebogen mit 20 offenen Fragen ähnlich denen aus den Interviews. Kernstück waren allerdings drei geschlossene Komplexe, in denen die Teilnehmer Gewichtungen per Zahlenskala ausdrücken sollten zu ihrem Verhältnis zu Ned Kelly und Eureka, sowie eine Einschätzung, welche gesellschaftliche Gruppe in Australien sich am ehesten mit diesen identifizieren würde. Die Teilnehmer waren Aktivisten aus Victoria (sowohl aus Melbourne als auch des Hinterlands), die sich zu einer Demonstration gegen weitere neoliberale Reformen durch die Howard-Regierung angemeldet hatten, aus Anlaß der Eröffnung des neu gewählten Commonwealth-Parlaments in Canberra am 12.11.2004. Aus einer 200-köpfigen Gruppe wurden per Zufallsprinzip 35 ausgewählt. Von diesen gaben 15 ausgefüllte Bögen zurück. Die Ergebnisse werden zu Beginn des nächsten Kapitels besprochen.
3. Auswertung
Zuerst wird der begleitende Fragebogen untersucht, danach die Tiefeninterviews. Den Abschluss des Kapitels bildet eine teils interviewgestützte Betrachtung der aktuellen Haltung der ALP zur Eureka Stockade.
3.1 Fragebogen
Mit dem Fragebogen wird ein breiteres Bild vom Verhältnis der Aktivisten zu Eureka und Ned Kelly gewonnen, als durch die Interviews erreicht werden kann; es geht außerdem in einer Frage um gesamtgesellschaftliche Resonanz.
3.1.1 Integrationsfrage
Diese ist im Wesentlichen mit der Frage aus den Interviews nach den ikonisch australischen Geschichten, die ein Einwanderer zu lernen hätte, identisch (vgl. 4.4). Es gab von acht der fünfzehn Personen konkrete Vorschläge, insgesamt 26 verschiedene. Zwei Personen nannten spontan die Eureka Stockade, eine Ned Kelly.
3.1.2 Wichtung der Identifikation gesellschaftlicher Gruppen
Es wurden zwölf Vertreter von verschiedenen Sparten der australischen Gesellschaft vorgegeben, die untereinander verglichen wurden. Die Ergebnisse wurden aus allen eigegangenen sechzehn Wertungen addiert und ergaben folgendes Ergebnis, wobei ein niedriger Wert einer hohen Identifikation entspricht. Die Reihenfolge der Auflistung folgt hier der Rangfolge in der Kategorie Eureka:
| Gruppenvertreter | Eureka: | Rang | Ned Kelly: | Rang |
| Gewerkschaftsfunktionär | 14 | 1. | 33 | 3. |
| Bauarbeiter | 27 | 2. | 26 | 1. |
| S11 Demonstrant | 34 | 3. | 26 | 1. |
| Älteres Mitglied des Kriegsveteranenverband (RSL) | 46 | 4. | 55 | 6. |
| Student der Geisteswissenschaften | 49 | 5. | 40 | 5. |
| Chinesischer Immigrant | 53 | 6. | 66 | 7. |
| Polizist | 55 | 7. | 77 | 9. |
| Steve Bracks (Landesregierungschef) | 70 | 8. | 71 | 8. |
| Schülerin mit Nebenjob | 72 | 9. | 39 | 4. |
| Pauline Hanson (Politikerin der One Nation Partei) | 91 | 10. | 83 | 10. |
| Rupert Murdoch (Medienmogul) | 97 | 11. | 95 | 11. |
| John Howard (konservativer Regierungschef) | 97 | 11. | 98 | 12. |
Der Gewerkschaftler, der Bauarbeiter und der S11 Demonstrant werden laut der Aktivisten also am ehesten mit Ned Kelly als auch Eureka verbunden. Danach folgt der ältere Veteran. Student und Immigrant nehmen das obere, der Polizist, Steve Bracks und die Schülerin das untere Mittelfeld ein. Den Abschluss bilden Pauline Hanson, Murdoch und Howard.
3.1.3 Inspirierende Elemente Eurekas
Die Befragten sollten die Anteile des Mythos benannt werden, die für den eigenen Aktivismus anregend seien. Genannt wurden jeweils:
- willingness of miners to take action, their sense of justice, the violent repression • anti-authoritarianism, internationalism, fighting for your rights
- determination, solidarity, creative fight for workers' rights
- legitimate uprising, underdogs, perseverance, courage
- stood up for their believes, courage, questioned authority
- grassroots democracy, challenged the state, international solidarity
- boldness, dedication, seeking justice
- courage, hope, getting together to refuse to be bullied
- people fighting against authority
- sense of adventure, uprising in hopeless situation
- ordinary people fighting for their rights, courage, collective action
- patience, people who stood up for their rights
- resistance, courage, working together
- determination, courage, passion, ingenuity
- courage, determination, sense of justice, standing up against authority
Die Beiträge, die besonders häufig genannt wurden, fielen in fünf Kategorien:
| Kampf für Gerechtigkeit | 8 |
| Mut | 8 |
| Anti-autoritäres Handeln | 7 |
| Entschlossenheit | 6 |
| Kollektives Verhalten | 6 |
3.1.4 Inspiration gewichtet
Auf einer Skala von eins bis zehn sollte eine Einschätzung der Identifikation mit Eureka und Ned Kelly gegeben werden, wobei 1 für wenig und 10 für umfassende Identifikations steht. Es ergaben sich folgende Ergebnisse:
| Alter | 19 | 19 | 21 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 27 | 37 | 39 | 50 | 51 | 60 | 62 |
| Eureka | 1 | 4 | 0 | 1 | 2 | 7 | 4 | 1 | 2 | 3 | 3 | 4 | 3 | 5 | 7 |
| Ned | 1 | 2 | 0 | 1 | 3 | 7 | 6 | 1 | 4 | 4 | 3 | 4 | 7 | 6 | 9 |
Von den 30 Werten sind acht über der Mittelmarke, und davon sind fünf in der Altersklasse über 50. Die fünf Personen mit den niedrigsten Wertungen sind jeweils unter 25, während die fünf mit den höchsten Wertungen bis auf jeweils eine Ausnahme die ältesten sind. Es scheint sich eine Tendenz abzuzeichnen, dass ältere Aktivisten sich eher mit den Narrativen identifizieren als jüngere.
Nur bei drei von fünfzehn Aktivisten liegt der Identifikationsgrad über oder gleich der Halbwertsmarke. Bei Ned Kelly sind es fünf.
3.1.5 Abschluss Fragebogen
Die Aktivisten scheinen weder Kenntnisse über Eureka noch Ned Kelly für eine notwendige Bedingung für die Integration in die australische Gesellschaft zu halten. Aus verschiedenen australischen Gesellschaftsgruppen würden ihnen zufolge mit Eureka und Ned Kelly vor allem Gewerkschafter und Bauarbeiter assoziiert. Letztere vermutlich wegen der bekannten Verbindung zwischen der militanten Baugewerkschaft und Eureka. Besonders interessant ist hier, dass die Globalisierungskritikern von S11 bei Eureka den dritten und Ned Kelly den ersten Platz einnehmen. Ihnen wird also eine hohe Identifikation mit diesen beiden Narrativen eingeräumt – ob aus strukturellen oder inhaltlichen Ähnlichkeiten bleibt ungeklärt. Beachtenswert ist auch das relative niedrige Abschneiden von Steve Bracks, dem Landesregierungschef, dessen angestrebte enge Assoziation mit Eureka ihm scheinbar von den Aktivisten abgesprochen wird (siehe 5.3).
Eureka selber besitzt für die sie in so fern Inspirationswert, da es für das Kämpfen für Gerechtigkeit, Mut, gegen Autoritäten gerichtetes Handeln, Entschlossenheit und Vorgehen im Kollektiv steht. Die individuelle Motivation durch Eureka und Ned Kelly ist allerdings bis auf Einzelfälle bei den jüngeren Aktivisten eher gering und bei den älteren durchschnittlich. Bei dieser einzelnen Querschnittsfrage fällt allerdings die kleine Fallzahl besonder ins Gewicht. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit für statistische Fehler. Die Daten sind nicht repräsentativ.
4.2 Gruppenspezifische Auswertung der Interviews
Im Folgenden werden die Haltungen der fünf verschiedenen Strömungen der globalisierungskritischen Bewegung zu den Nationalnarrativen Eureka Stockade bzw. Ned Kelly, untersucht. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf drei Kategorien, denen jeweils Auszüge aus den Interviews zugeordnet werden: Stellung der Narrative in der australischen Gesellschaft, Beziehung der jeweiligen Gruppe zu ihnen und drittens die persönliche Bindung. Dies geschieht auf der Basis von Zusammenfassungen des Rohmaterials, wie sie im Anhang zu finden sind. Jene Kurzfassungen der Interviews bilden bereits selber einen Abstraktionsschritt, der allerdings durch den Umfang des Materials notwendig geworden ist. Er wurde vorgenommen in Anlehnung an die Praxis des Australian Centres der Universität Melbourne und in Absprache mit dem Betreuer der Abschlussarbeit, die diesem Beitrag zugrunde liegt. Dies geschah, um einen mehrere hundert Seiten umfassenden Anhang klassischer Abschriften der Aufnahmen zu vermeiden. Es kommen dabei sowohl wörtliche Zitate besonders prägnanter Stellen in englischer Sprache, als auch deutsche Paraphrasierungen zum Einsatz. Das Originalmaterial wird hinterlegt. Den wörtlichen Zitaten wird jeweils eine Minutenangabe daraus zugewiesen. Eine detailliertere Beschreibung der Personen und ihrer Stellung innerhalb der Organisationen befindet sich im Anhang II. zu Beginn des jeweiligen Interviews. Aus Gründen der Diskretion werden die befragten Aktivisten nur mit Vornamen genannt.
4.2.1 Anarchisten
Die Anarchisten stellen innerhalb der Bewegung eine kleine, aber auffällige Minderheit dar. Ihre Hauptbasis haben sie mit etwa 25 Mitgliedern auf dem Campus des RMIT (Royal Melbourne Institute of Technology), der größten technischen Hochschule Australiens. Dazu kommt noch einmal die gleiche Anzahl außerhalb. Die meisten Aktivitäten finden unter dem Namen Anarchist Network statt, einer Gruppe, die vor allem von ca. 10 älteren Aktivisten getragen wird. Sie veranstalten wöchentliche Treffen, unterhalten eine Webseite und werben für ihre Ideen über den innerstädtischen offenen Radiokanal 3CR.
Von allen hier beschriebenen Gruppen beziehen sie sich am direktesten auf die Eureka Stockade. Sie sehen sich als deren Erben und Verwalter des wahren Geistes von Eureka. Joe, einer der Sprecher des Netzwerkes, nimmt an, dass die Goldsucher zu ihrer Zeit sich zwar nicht Anarchisten genannt haben, aber doch nach eben solchen Prinzipien gehandelt haben.
Zentraler Punkt sei dabei der Schwur von Eureka, der sowohl Elemente der radikalen Demokratie, von militantem Handeln, von Solidarität und unbedingter weltweiter Gleichheit und Zusammenarbeit enthalte.
Deshalb sehen sich die Anarchisten auch als die einzig wahren Vertreter der Goldsucher heutzutage und setzen das auch in konkrete Aktivitäten um. Jedes Jahr organisiert das Reclaim the Spirit of Eureka Collective und das Anarchist Network eine eigene Feierstunde in Ballarat am 3. Dezember, um die ihrer Meinung nach de facto anarchistische Rebellion zu würdigen.
Dementsprechend unzufrieden sind sie mit der Stellung von Eureka in der australischen Gesellschaft. Es würde zum einen als Aufstand und nicht als genuine Rebellion missinterpretiert. Außerdem werde es nicht durch einen Feiertag besonders hervorgehoben. Ned Kelly hingegen werde allgemein zu einem Supermythos stilisiert, obwohl seine Legende es an politischem Gehalt missen lasse:
Außerdem würde Eureka auch falsch eingeordnet und als mehr oder minder isolierter Aufstand über vereinzelte Streitpunkte bezeichnet, nicht aber als umfassende und in ihren Forderungen radikale Rebellion gegen das herrschende System, wie es von der damaligen Kolonialverwaltung repräsentiert wurde. Um so schärfer noch lehnen sie die staatliche Ausschlachtung Eurekas durch die ALP Landesregierung ab, die sie verdächtigen, die 150 Jahrfeier vor allem für ökonomische Zwecke aufzubauschen.
Ebenso würde man laut den Anarchisten z.B. mit der akademischen Konferenz dem eigentlich radikalen Anspruch von Eureka in so fern nicht gerecht, da bewusst eine Gelegenheit verpasst würde, über echte Demokratie nachzudenken. Es würde stattdessen eine abgeschottete, historisierende Veranstaltung ohne konkretes Ergebnis daraus gemacht.
Ähnlich gelagert erscheint den Anarchisten besonders offensichtlich, dass sich eine Kluft auftut zwischen dem militanten historischen Geschehen und der Art, wie es durch die australische Führungsschicht heute dargestellt und zelebriert würde. Mit Eureka ließe sich Nationalgefühl aufbauen, aber nur in stark angepasster Form. Dabei bliebe aber ein Restgehalt übrig, der sich eben nicht vollständig vereinnehmen ließe. Eureka mit parlamentarischer Demokratie in Verbindung zu bringen sei demnach völlig unzulässig ('9).
Persönlich hat Eureka für den Sprecher der Anarchisten, Joe, vor allem in seiner Jugend und dann wieder in den letzten zehn Jahren eine wichtige Rolle gespielt, in denen er ein gesteigertes Interesse an Eureka beobachtet hat. Er hat sich selber stark in die Vorbereitungen für S11 eingebracht, dass er zumindest indirekt mit Eureka in Verbindung bringt. Es stehe in so fern auf gleicher Stufe, da auch dort die Landesregierung Gewalt gegen Andersdenkende angewandt hätte:
Alles in allem ergibt sich ein hoher Identifikationsgrad der organisierten Anarchisten mit Eureka, das sie als Teil ihrer politischen Tradition und Vorbild für ihr heutiges Engagement ansehen. Der wahre Wert von Eureka scheint ihnen in der australischen Gesellschaft durch die Umdeutungen einer voreingenommenen und ihre eigenen wirtschaftlichen Ziele verfolgenden Staatsmacht verfälscht.
4.2.2. Sozialisten
Die sozialistische Haltung zu den Nationalnarrativen auszuloten wird dadurch erschwert, dass sie sich in drei Gruppen gespalten haben. Von den eigentlichen Nachfolgern der in den 60er Jahren sehr Eureka begeisterten Marxistisch-Leninistischen Partei, der Democratic Socialist Party (DSP) stand keiner der Organisatoren für ein Interview bereit. Eine der zwei trotzkistischen Gruppen, die Internationalist Socialist Organisation (ISO) befindet sich gerade in der Auflösung. Deshalb beziehe ich mich hier auf einen Vortrag der DSP zum Thema Eureka und zwei Interviews mit Mitgliedern der anderen trotzkistischen Gruppe, Socialist Alternative (SA).
Grundsätzlich sehen sich alle drei Gruppen in der Tradition von Eureka. Die Einleitung zu dem Vortrag über Eureka von dem DSP Mitglied Colleen bringt die bestimmende Haltung gut zum Ausdruck:
Es geht also anscheinend darum, den historischen Kern von Widerstand in die heutige Situation zu übertragen und für einen sozialistischen Umschwung fruchtbar zu machen, gegen den vermuteten Feind der Arbeiterklasse und der Studentenbewegung: die aktuelle Regierung Australiens. Es ist allerdings interessant zu sehen, dass die Sozialisten eine feine Abstufung eingeführt haben, was die einzelnen Beteiligten der historischen Geschehnisse angeht. Betrachtet man zum Beispiel den Artikel von dem späteren Interviewpartner Mick über Eureka in dem SA Magazin, so lässt sich feststellen, dass zwar die Identität der Goldsucher als ordinary folks gewahrt bleibt, sie werden aber nicht als Arbeiter im klassischen Sinne gesehen. Vielmehr wird ihr Status als selbständige Unternehmer ohne direkte Vorgesetzte anerkannt.[8] Positiv erwähnt werden dann die militanten Taktiken, die Entmachtung der verhandlungswilligen moral force Chartisten und der gewaltsame Widerstand in der Stockade selber. Noch mehr aber liegt die Betonung auf dem Nachspiel in Melbourne und dem Einfluss der nicht näher spezifizierten Aktivisten in Melbourne, die für die Freilassung der gefangenen Anführer von Eureka agitierten.[9] Es scheint, als wären für die sozialistische Interpretation von Eureka die Ereignisse auf den Goldfeldern vor allem als Ausgangspunkt für eine verstärkte Radikalisierung der öffentlichen Meinung in Melbourne von Relevanz, weniger in ihrer ursprünglichen Bedeutung als Aufstand in Ballarat.
Der Artikel setzt an anderer Stelle die Goldsucher in Verbindung mit den eher urbanen Aktivisten für eine Revolution nach amerikanischem Muster. So wird Eureka losgelöst von den ursprünglichen Forderungen und gelesen als Revolte mit letztlich republikanischen Zielen.
Wie Eingangs bereits erwähnt, wollen sozialistische Gruppen sich durchaus in die Tradition von Eureka stellen und das Ereignis mit heutigen Konflikten in Verbindung bringen. Um noch einmal Colleen zu nennen:
Demgegenüber malt Sebastian ein etwas vorsichtigeres Bild vom Umgang mit den historischen Narrativen. Grundsätzlich ist er dafür, diese zu verwenden, weil sie zumindest potentiell immer noch Menschen zu politischem Protest motivieren können:
Allerdings gäbe es kaum reale Manifestationen von Rückbesinnungen auf Eureka im täglichen Aktivistenleben. Es ist nicht etwas, auf das man bei Protesten oder beim Agitieren auf der Straße angesprochen würde (Sebastian '17). Auf die Frage, ob Eureka für S11 Protestierende inspirierend gewesen sei, antwortet Sebastian mit einem „not directly“. Vielmehr seien die schrecklichen Umstände in der Welt vor allem ausschlaggebend. Dann kämen die motivierenden Geschehnisse in Seattle (WEF). S11 im Allgemeinen sei allerdings vergleichbar mit Eureka in so fern, als es auch ein militanter, direct action Protest gewesen sei, der die Masse angesprochen hätte.
Damit wäre Eureka also vor allem für die heutigen Protestaktivitäten ein motivierender Faktor, insofern es ein gewichtiger Teil der Tradition von Wiederstand und Protest sei. Nicht aber so sehr als individuelles Ereignis, auf das man sich häufig berufen würde. Für Mick hingegen hatte S11 definitiv keine Ähnlichkeiten mit Eureka - schon weil Eureka langfristig gesehen ungleich wichtiger gewesen sei (Mick '18).
Wie einflussreich Eureka für die heutige australische Gesellschaft im Allgemeinen ist, könne man jetzt laut Sebastian gut herausfinden, da die Hundertfünfzigjahrfeiern anständen. Allerdings könne man auch so nicht um Eureka nicht herum kommen, niemand könne es ignorieren. Dieses Gewicht komme aber nicht aus dem historischen Geschehen, sondern aus dem Blick auf die fortgesetzte Interpretation und die Diskussion darum herum. Auch wenn es nicht wahrscheinlich sei, dass so etwas wie Eureka noch einmal geschehen würde, könne es doch Auswirkungen auf die Diskussion um soziale Veränderungen in der Zukunft haben (Sebastian '19).
Mick hingegen sieht eher die Negation als das Potential des radikalen Kerns von Eureka, sowie Ned Kelly. Zu weit sei der Prozess der Vereinnahmung bereits fortgeschritten, um noch viel Wirkungskraft entfalten zu können. Der Originalmythos werde sinnentleert durch Kommodifikation und Verlagerung des ursprünglichen radikalen Inhalts ausschließlichen in die Vergangenheit. Durch die Verlagerung und den zeitlichen Abstand sei es allerdings möglich, daraus wieder einen cause celebré zu machen:
Den Bedeutungsverlust für heutige Aktivisten und Australien im allgemeinen erklärt sich Mick dann im weiteren sowohl aus dem zeitlichen Abstand, als auch vor allem aus den bewussten Versuchen der Mittelklasse und ihren Vertretern an der Macht diese Geschichten von ihrem radikalen Kern abzutrennen:
Ähnlich wie Mick erklärt auch Colleen die mangelnde Deckung zwischen der Aufwertung von nationalen Mythen und der gleichzeitigen Unterdrückung Andersdenkender durch die Regierung:
Was Ned Kelly anbelangt, so spielt er für Sebastian keine größere Rolle, während er für Mick vor allem in seiner Kindheit und der irisch stämmigen Familie sehr präsent gewesen ist. Ned Kelly wurde damals vor allem als Opfer der Engländer gesehen, der für seinen typisch irischen Mut Polizisten zu töten und sich zu wehren sehr stark verehrt wurde, der „Larrikin who shoved it up them protestant, middle-class, english wowsers“ (Mick '20). Außerdem beobachtet Mick in den vergangenen zehn Jahren ein erneutes und zunehmendes Interesse für Ned Kelly.
Für die Fraktion der Sozialisten in der globalisierungkritischen Bewegung stellt Eureka eine Motivationsquelle und einen Anknüpfungspunkt im Selbstverständnis dar – wenn auch nicht die einzige, oder eine besonders hervorgehobene. Vielmehr scheinen sie das aktuelle Interesse anderer gesellschaftlicher Gruppen aufzunehmen und für die Hervorhebung der radikaleren Anteile des Geschehens zu verwerten. Einen besonderen Anschub von Protestaktionen wie S11 können beide Probanden nicht sehen, allerdings schlägt zumindest einer vor, es als Teil einer sich durch die australische Geschichte ziehenden Tradition von Widerstand zu sehen und damit auch als Inspiration für heutige ähnliche Aktivitäten im Allgemeinen. Das Eureka und auch Ned Kelly von vielen Australiern gefeiert werden, ohne radikaldemokratische Folgen, sehen alle Beteiligten der Intervention des Regierungsapparates geschuldet, dessen Darstellung der historischen Ereignisse den eigentlich radikalen Kern verdeckt.
4.2.3. Gewerkschaften
Für viele Australier ist Eureka vor allem mit der Gewerkschaftsbewegung verbunden, symbolisiert durch die Eureka Flagge, die viele von ihnen in ihrem Corporate Design nutzen und auf Demonstrationen zur Schau stellen. Auch in den Augen anderer Aktivisten wird dieser Zusammenhang spontan hergestellt. Elf von dreizehn Gesprächspartnern (die Ausnahmen waren Damian Grenfell und Vivienne) haben im Gespräch explizit darauf hingewiesen. So sagte zum Beispiel Mick gegen Ende seines Interviews:
John, ein Vertreter der Bau-, Wald- und Minenarbeitergewerkschaft (CFMEU), geht aber über die reine Nutzung der Flagge hinaus: Es gäbe auch weitläufige inhaltliche Anlehnungen. Mithin wird Eureka als der Beginn der Gewerkschaftsbewegung angesehen.
Sein Gegenpart Jerome, einfaches Mitglied in der gleichen Gewerkschaft stimmt den beiden Aussagen zunächst zu: „The unions use the iconography all the time, which is a living sort of tradition.“ ('35) Allerdings gäbe es nach seiner Darstellung selbst in der sehr militanten Gewerkschaft Distanz zwischen den Arbeitern und den oberen Rängen. Den Mythos Eureka würde aber jeder kennen, er käme nur in der Gewerkschaftsrethorik eher selten vor, was sich allerdings in diesem Jubiläumsjahr (2004) etwas geändert hätte und Eureka öfters erwähnt würde. Diese Beobachtung deckt sich mit Johns Aussage, dass er selber Eureka nur sporadisch für den Construction Worker einsetze. Jerome würde es hingegen manchmal doch verwenden in seinen Gesprächen mit politischen Kontakten auf der Baustelle – z.B. wenn er begründen würde warum die politischen Rechte in Australien so sauer verdient seien. Alles in allem bleibt er aber skeptisch, was die Aufmerksamkeit für Eureka und andere Nationalnarrative angeht: „You are doing a thesis on something we don't even care about.“ (Jerome '23) Auch John muss im weiteren Verlauf seines Gesprächs zugeben, dass es in den unteren Gewerkschaftsrängen weniger Interesse für diese „alten Geschichten“ gäbe. Es sei einfach nicht Teil der Populärkultur, die den Horizont vieler Arbeiter vor allem ausmache.
Außerdem sieht er nur sehr schwaches Interesse bei jüngeren Gewerkschaftsmitgliedern und noch weniger bei anderen Australiern. Es bliebe vor allem die Domäne von älteren Aktivisten, sich mit historischen Kontexten und Ikonen eingehender zu befassen (John '38).
Jerome und John entfernen sich voneinander in ihrer Einschätzung zur Bedeutung der Nationalnarrative für heutige Protestierende. Auf die Frage, ob die heutigen Protestierenden von Eureka motiviert sind, antwortet Jerome:
Er sieht also zwar die Notwendigkeit für eine Verbindung in die Vergangenheit und für ein Wissen um die Wurzeln der Bewegung. Er bleibt jedoch skeptisch, ob diese Forderung in der Tagespraxis von gewerkschaftlichem Aktivismus zur Zeit umgesetzt werde. In den Beispielen, die er für eine lebendige Tradition anbringt, wird deutlich, dass er im Vergleich dazu im Andenken an Eureka eher ein folgenloses Lippenbekenntnis sieht. Es fehle an echter Emotion, die aus dem Ereignis entspränge (Jerome '33). Auch für ihn sei Eureka zwar motivierend, wie viele andere eher internationale Aktionen auch, aber im Vergleich mit dem Spartakusaufstand oder der Französischen Kommune würde es eher sogar einen niederen Status einnehmen. Jerome erklärt sich den Einflußverlust der Nationalnarrative auch damit, dass mittlerweile so viele Menschen mit anderen Hintergründen in Australien eingewandert seien, die damit wenig anfangen könnten, auch wenn Eureka mit seinen vielen Nationalitäten eigentlich doch dazu passen würde (Jerome '23).
John hingegen möchte vor allem die fortgesetzte Tradition von Eureka bis heute betonen.
Und auf Nachfragen bestätigt John noch einmal, dass es auch um ausländische Einflüsse gehe. Während Jerome die Bedeutung für den Einzelnen anzweifelt, sieht John vor allem die strukturellen Ähnlichkeiten. Wie zur Zeit Eurekas würden sich in der Globalisierung die Gegensätze der Interessen der Wohlhabenden gegenüber den weniger Begüterten wieder zuspitzen:
Außerdem hält John fest, dass eben vor allem die Flagge nach wie vor einen hohen Wiedererkennungseffekt in der weiteren australischen Gesellschaft hätte und der Assoziationsgrad zwischen Flagge und Gewerkschaften sehr hoch sei.[11] Dies würde noch verstärkt dadurch, dass es von der Regierung des Commonwealths keine Anstrengungen gegeben hätte, sich an den Jahrestagsfeiern zu beteiligen. „Now they have handed it to the trade-unions. Eureka will now be permanently associated with the trade-union movement for the next fifty years. It's our flag. It's our rebellion. And I think the tories have blown it. They could have spun off that, but they didn't.“ (John '24) Von Gewerkschaftsseite aus gab es hingegen eine breite Beteiligung an den Feierlichkeiten in Ballarat, zu denen allein einige Hundert aus den Reihen der CFMEU teilnahmen (John '33). Außerdem wurde von der Maritime Union Australia (MUA) eine Gedenkfeier ausgerichtet, auf der verschiedene Gewerkschaftsfunktionäre vor einigen hundert Mitgliedern und Aktivisten den Geist von Eureka beschworen. John Maitland, President der CFMEU, formulierte:
Bei der gleichen Gelegenheit verglich der Historiker Humphrey McQueen den Kampf der Maritime Union mit der Polizei 1998 mit Eureka:
Das deckt sich mit den Beobachtungen von John. Für ihn hätte sich eher der als Analogie zu Eureka im kollektiven Gedächtnis von Gewerkschaftern festgesetzt. Man höre gelegentlich sogar wenn das Gespräch auf die Räumungskämpfe käme, „I remember when all the horses came down and the cops. It was bit like Eureka.“ (John '55). Was konkrete Protestaktionen wie S11 angeht sehen sowohl John als auch Jerome keine besondere Verbindung zu Eureka. Für Jerome verweisen eben alle Protestaktionen aufeinander.Für Jerome ist dieser Abstand zu Symbolen, die für Nationalismus genutzt wurden, wertvo


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